Browsergames – Fluch oder Segen?

Früher – ok, vor ca. 10-15 Jahren – war ich ein leidenschaftlicher und vor allem intensiver PC-Spieler (heut fehlt mir leider die Zeit dazu). Ich erlebte den Aufstieg des Genres fast von Anfang an, wurde mit Monkey Island, Wolfenstein, Quake, Half Life usw. groß. Und es war echt eine tolle Zeit. Hätte mir damals jemand erzählt, dass es mal Spiele wie Fallout 3, GTA IV oder Rage geben würde, hätte ich ihm wohl einen Vogel gezeigt. Es war, bei Standardauflösungen von 320×240 und üppigen 40 Mhz PCs mit 4MB Ram einfach nicht vorstellbar, dass diese Maschinen jemals eine derartige Leistung bringen würden.

Monkey Island

Aber auch neben der Grafik gab es eine eindeutige Entwicklung: Spieltiefe. Gab man sich anfangs noch mit Pacman, Spaceinvaders und co. zufrieden, rannte bei Doom oder Super Mario mehr oder weniger aus langer Weile durch die Flure, so waren es vor allem Spiele wie Half Life, die dem Spielemarkt gezeigt haben, wo der Weg hinführen würde: epische Geschichten erleben und diese vor allem selbst zu durchleben. Mittlerweile kann man in einem Großteil der Spiele sogar die ganze Handlung mit seinen Taten beeinflussen. Und genau dafür waren Computer- und Videospiele immer gedacht. Das Ziel war immer, den mehr oder weniger interaktiven Film zu schaffen.

Pacman

Half Life

Ich bin glücklich, von Anfang an dabei gewesen zu sein, denn nur so lernt man, die heutigen Spiele wirklich zu schätzen. Viele der heutigen Gamer bilden die Generation Aldi-PC und waren somit immer hochwertige Spiele der aktuellen Zeit gewohnt. Sie kennen weder den Charme der guten alten Lucas Arts Adventures, noch den Stolz, mittels spezieller Bootdisketten noch ein paar Frames bei Quake 1 herauszukitzeln, die absolute Begeisterung, zwei PCs per seriellem Kabel zu verbinden – Internet und Netzwerk waren zu dieser Zeit größtenteils etwas für Firmen und nicht für Jugendliche.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass ich den Weg von Pacman zu GTA IV, von Stunt Cars zu Forza Motorsport und Wolfenstein 3D zu Call of Duty miterlebt habe. Und was mich daran am meisten begeistert hat: es ging immer nur aufwärts. Nie hat man grobe Rückschritte in Sachen Grafik und Gameplay erkennen können.

GTA IV

Ja, und dann kamen sie so richtig in Mode, die Browsergames. Mir blutet das Herz, wenn ich diesen neuen Hoffnungszweig der Gamesbranche sehe – vor allem in Verbindung mit dem Unwort Casual Gamer. Wir erleben derzeit den starken Umbruch, dass sich mehr Leute für simple Zahlenspielereien (aka “Leveln”) im Browser als für eine packende Geschichte auf der Konsole oder am Rechner interessieren. Wir erleben, wie all die Erungenschaften, die Firmen wie z.B. id Software, Valve, Westwood und Blizzard uns gebracht haben, über den Haufen geworfen werden und man sich lieber mit irgendwelchen Feldern, Kühen usw. zufrieden gibt. Den “Spielern” reicht es, dass sich durch ein paar Klicks die eigenen Werte ändern, dass sie alle 5 Minuten eine Zwiebel ernten können und vom Erlös neue Samen bekommen. Der Mafia Wars Spieler freut sich, dass er irgendwelche Waffen und Gebäude kaufen kann, welche er aber nur in Form von einem Bild und irgendwelchen geänderten Zahlenwerten sehen kann. Es ist grauenvoll anzusehen, WIE simpel diese Spiele sind. Und sie haben alle ein Ziel: süchtig machen, und das mit Hilfe des eigenen “nur noch ein Level” Triebes. Hinzu kommt, dass vor allem die Games innerhalb von Social Networks die komplette Freundesliste zuspammen, um möglichst noch mehr Spieler anzuziehen. Und das schlimmste ist: Diese “Spieler” sind sogar bereit, für diese Vergewaltung des Kulturgutes Computerspiel Geld zu bezahlen – z.B. für Coins oder Aktionspunkte. Eine in meinen Augen sehr bedenkliche Entwicklung.

Farmville

Was man den Browsergame-Herstellern jedoch zu gute halten muss: Sie reagieren auch nur auf die Bedürfnisse vieler Menschen und, das ist ein wesentlicher Aspekt, sie führen sehr viele Leute an das Genre Computerspiel heran. Was man jedoch nie vergessen sollte: So ziemlich jedes Browsergame ist dafür gebaut, unter minimalstem Einsatz maximalen Ertrag zu bringen. Leider führt das dazu, dass ein Großteil der Hersteller eine “Engine” für ein derartiges Game erstellt, um damit dann gleich eine Vielzahl von ähnlichen Games hervorzubringen. Sehr gut sieht man das am Beispiel Mafia Wars. Es gibt unzählige Spiele, die haargenau das gleiche Spielprinzip haben, aber lediglich mit anderen Grafiken überzogen sind.

Versteht mit nicht falsch, ich denke, dass die Sparte Browsergames eine sehr gute Zukunft hat, was jedoch derzeit fehlt, ist eindeutig die Innovation. Hersteller werden sich nun hinter dem Argument verstecken, dass die Games möglichst auf jedem PC mit einem Browser laufen sollen und somit das grafische Potential sehr beschränkt ist. Das mag sein, aber gerade Spiele wie Monkey Island, GTA 1 oder Civilisation haben gezeigt, dass man mit relativ geringer Grafikqualität, dafür aber mit vielen Ideen und vor allem Spieltiefe hochwertige Spiele schaffen kann. Ein weiteres erschlagendes Argument der Casual Games ist jedoch, dass die Spiele eine sehr steile Einstiegskurve sowie kurze Spielabschnitte bieten sollen, weil viele Spieler eben nur mal schnell in der Mittagspause reinschauen. Auch hier muss ich sagen: Es gibt Alternativen. Gerade rundenbasierte Spiele wie Civilisation oder Rollenspiele kann man sehr gut für 5 Minuten spielen, pausieren, und am nächsten Tag weiterspielen. Und hier rede ich gerade nur von bestehenden Spielen, wer weiß, was noch so entwickelt wird.

Zur Zeit habe ich den Eindruck, dass wir im Browsermarkt genau die gleiche Entwicklung nochmal sehen, die wir bei Video/PC Spielen in den letzten 20-25 Jahren gesehen haben. Wir fangen wieder bei den grafisch sowie spielerisch extrem einfach gehaltenen Spielen an, um uns dann immer weiter nach vorn zu arbeiten. Meine Hoffnung ist aber, dass wir erstens ein paar Jahre überspringen können, und zweitens nicht einfach nur nachbauen, sondern neues entwickeln.

    • Miew
    • June 19th, 2010 4:44am

    Quake 3 als Browsergame: http://www.quakelive.com ;)

    “Nie hat man grobe Rückschritte in Sachen Grafik und Gameplay erkennen können.”
    Ich denke schon, dass es seit der Jahrtausendwende einen Rückschritt in Sachen Gameplay gegeben hat. Die Spiele der 90er waren meist komplexer und haben dem Spieler mehr abverlangt. Ressourcenmanagement und langfristiges Denken wurde aus vielen Genres verbannt.
    Ganz zu schweigen natürlich vom Aussterben vieler Genres, wie z.B. den Adventures (größtenteils), Flug- oder Raumschiffsimulationen oder Strategie- und Taktikspielen. Was übrig bleibt sind zum Großteil Shooter.

    Browsergames gehen denke ich in eine andere Richtung und haben eine andere Zielgruppe. Die kreuzen kaum die Wege mit den regulären Spielen und “verderben” sie darum auch nicht. Das ist zumindest mein Eindruck.

  1. Quake Live ist mir bekannt und kann sicher als Ausnahme in diesem Segment angesehen werden. Mein Beitrag bezieht sich eher auf die derzeit gängigsten Browsergames wie Farmville und co.

    Ja, es gibt Rückschritte in Sachen Gameplay, aber nicht so grob, dass wir heute wieder Spielprinzipien wie Pacman spannend finden. Deswegen auch das “grob” im Satz. Und man muss auch bedenken, dass ein komplexes Gameplay nicht zwangsläufig auch das bessere sein muss. Games wie eben GTA IV oder Fallout 3 zeigen mir, dass es auch heute sehr gute Spiele mit ordentlich Tiefe, aber keiner unnötigen Komplexität, gibt.

    Meine Behauptung war auch nicht, dass Browsergames den klassischen Spieler ansprechen, sondern dass sie mittlerweile höheren Stellenwert bei den Herstellern haben als “normale” Games. Und das färbt natürlich ab bzw. Heißt, dass sich die Prioritäten verschieben.

    Ich hoffe, mein Beitrag ist nun etwas klarer ;)

    • Spustycare
    • June 22nd, 2010 10:26am

    google: battlefield heroes

  2. Auch Battlefield ist mir bekannt – mir geht es hier aber um Farmville und co. Und solange Quake Life und Battlefield nur gute Ausnahmen bleiben, wird sich nicht viel ändern. Leider…

  3. ich würde sagen fluch :-)

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