Google Street View ist nicht böse

Zur Zeit gehen mir einige News mal so richtig auf den Sack – wie letzte Woche berichtet die Facebook Geschichte, heute nun Google Street View. Da liest man dann nämlich, dass Google vorerst weltweit die Aufnahmen stoppt, weil es zu viel Kritik gibt. Einen Teil hat auch Deutschland dazu beigetragen – ganz vorn dabei leider wieder Politiker, die sich profilieren wollen und Gemeinden, die mal ins Fernsehen möchten.

Bevor wir weitermachen und jemand Google Street View nicht kennt:

Die Hauptkritikpunkte sind: Einbrecher können sich leicht neue Ziele aussuchen, Versicherungen und Kreditinstitute stufen nach dem Gesehenen ein, Nachbarn spionieren sich aus, Privatsphäre wird gestört usw.. Das sind sicher berechtigte Punkte, doch erscheinen sie mir ein bisschen fadenscheinig. Ja, die Möglichkeiten sind gegeben, die Frage ist aber, ob es keine Alternativen gibt: Kann eine Versicherung / Kreditinstitut nicht einfach pro Region Leute engagieren, die sich Gebäude und Grundstücke anschauen? Kann mein Nachbar nicht auch so über die Hecke schauen? Ja, das geht. Und da regt sich niemand auf. Wenn man es so will, kann man mit allen technischen Spielereien Schindluder treiben. Und wenn man immer nur die schlechten Seiten der Technik sehen möchte, wären wir nie da angelangt, wo wir nun stehen.

Was mich aber wirklich stört, ist, dass die positiven Effekte kaum erwähnt werden: Rollstuhlfahrer können z.B. nachschauen, ob Restaurants wirklich behindertengerecht sind (z.B. Treppe am Eingang), Urlaubswillige können sich “vor Ort” umschauen und überprüfen, ob das Prospekt nicht mal wieder gelogen hat, Fotografen können einfach neue Fotolocations suchen, bevor man Behördengänge tätigt, kann man sich über die Parkplatzsituation erkundigen, junge Familien können ein schönes Fleckchen zum Hausbau finden usw. Man sieht, es gibt viele Möglichkeiten, wie Street View Menschen wirklich helfen könnte, die eben nicht die Ressourcen haben, selbst überall hinzufahren. Und sind wir mal ehrlich: wer wird stundenlang vor Google Street View sitzen und sich deutsche Dörfer anschauen? Ich finde das totalen Quatsch. Klar wird man Anfangs ein bisschen neugierig schauen, aber das wird schnell verklingen. Und dann spricht kein Mensch mehr drüber.

Die Google-speichert-Wlan-Daten-Problematik war nun wieder Öl für das Feuer der Kritiker, allen voran Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner. Sie prangert Google an und will eine lückenlose Aufklärung über die Vergehen gegen den Datenschutz – wohlgemerkt schafft es unsere Regierung nicht, den Abmahnwahn zu stoppen, unternimmt nichts gegen 90€ Freeware-Downloadseiten, wollte Internetsperren errichten, will mit ELENA eine Arbeitnehmer Datenbank aufbauen, in der z.B. Fehltage (ursprünglich waren sogar Streiktage eingeplant), Abmahnungen und “mögliches Fehlverhalten” auf unbestimmte Zeit gespeichert werden sollen , … – das zum Thema Datenschutz. Auch ist es diese Regierung, die absolut nichts gegen ACTA – ein geplantes multilaterales Handelsabkommen auf völkerrechtlicher Ebene, welches im Prinzip die Regierungen zu Helfern der Content-Industrie macht – unternimmt. Der ACTA-Regelkatalog wird zudem unter Ausschluss der Öffentlichkeit und des EU Parlaments erstellt. Das muss man sich mal vorstellen: Unternehmen diktieren (einseitig), wie Regierungen gegen sog. “Raubkopierer” vorgehen sollen. Aber gut, ich rege mich schon wieder auf…

Aber was genau macht Google da nochmal? Achso, ja, sie speichern Daten OFFENER Wlan Netze. Tut mir leid, ich kann die ganze Aufregung nicht mal ansatzweise verstehen. JEDER, der ein Wlan betreibt, muss sich im Klaren sein, dass er per Funk Daten in die weite Welt schickt – verschlüsselt oder unverschlüsselt. Dass es heutzutage noch Menschen geben soll, die nicht wissen, dass man sein Wlan verschlüsseln sollte/muss, ist so eigentlich nicht hinnehmbar. Und jeder, der wie ich schonmal einen “Wardrive” – also genau das gleiche wie das Google Auto – gemacht hat, weiß, dass man da kaum nennenswerte Daten bekommt. Also was soll die ganze Aufregung?

Leider wird es aber immer so sein: Menschen regeln Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Über Öffnungszeiten im Internet würde ich mich langsam auch nicht mehr wundern…

  1. Applaus, du sprichst mir aus der Seele!

  2. Da sprichst du mir aus der Seele, sicher ist es verwunderlich wie Google Daten wie Emails in die Hände fallen können ohne dass sie explizit danach suchen, selbst bei einem offenen WLAN…
    Aber letztendlich sollten User mit offenen WLANs bestraft werden, und vielleicht verringert sich die Anzahl derer jetzt weiter.

  3. Freu mich gerade sehr, dass ich mit meiner Meinung nicht alleine da stehe… Danke Leute!

  4. Ganz meiner Meinung. Kinderschänder rennen frei rum, aber Google-Street-View darf nicht durch die Straßen fahren!?

  5. Es ist erfrischend wenn man nach dem ganzen Müll auch mal solche Artikel zu lesen bekommt. Einerseits werden Millionen für Fremdenverkehrswerbung, Standormarketing usw. ausgegeben und die Leute sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Gerade für uns Behinderte und Inmobilen ist es einen Freude, auch mal einen virtuelle Reise zu unternehmen, zu Zielen die wir sonst nie erreichen würden. Irgendwie erinnert mich das an meinen Kindheit und den schwarzen Mann. Chapeau !!

  1. August 29th, 2010

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